Palästina ist ein emotionales Thema dieser Tage: Die Zeitungen zeigen den Emir in traditionellen Gewändern an goldenen Tischen mit arabischen Staatsoberhäuptern, in schnittigen Anzügen mit Hillary Clinton, oder als Sprecher in der UN Vollversammlung. Alle sind sich einig: die USA müssen ihr Veto gegen Palästina zurückziehen um glaubhaft für Frieden und Demokratie eintreten zu können. Keine Sympathie für die israelische Lobby. Als diese Woche ein neuer Holocaust-Streifen in die Kinos kommt, reagiert die katarische Internetgemeinde gereizt auf das Thema und die Opferkarte, die Israel immer und immer wieder ausspielt. Ironische Kommentare in den Theatersitzen. Gute Nazis? - Nein, aber man wünscht sich ein aktuelleres Bild und eine Alternative zu Hollywood.
Saturday, September 24, 2011
der Prozess
Möglich ist es, dass ihn irgendjemand angezeigt haben könnte, denn ohne, dass er etwas Böses getan hätte, fühlt P. er könne jeden Augenblick verhaftet werden.
Am Donnerstag ist ein weißer SUV in unseren schwarzen Seat gefahren und hat einen Prozess in Gang gesetzt, der aus Kafkas Feder stammen könnte: Niemand weiß, was genau geschehen muss, wenn zwei Autos zusammenstoßen und sich dann eines von beiden aus der Affäre zieht ohne sein Kennzeichen zu hinterlassen. Peter meint, er könne angezeigt worden sein, obwohl es nur unsere Stoßstange ist, die eine Delle davongetragen hat. Also fahren wir zurück zum Kreisverkehr, wo alles passiert ist, zur Autovermietung, wo man uns erklärt, man brauche einen Polizeibericht um überhaupt einen Wagen in die Werkstatt bringen zu können. Das sei hier nunmal so: Der Staat will wissen, was passiert ist. Also machen wir uns auf den Weg und suchen die Polizeistation, die für den Stadtteil des Unfallorts zuständig ist, fragen eine Gruppe Jugendlicher in weißen Dishdashas. Die lachen über ihr eigenes schlechtes Englisch und haben offenbar keinen blassen Schimmer. Wir folgen dem Rat eines ernsten Inders, der einen verlässlichen Eindruck macht und enden in einer Sackgasse aus Schotter und Staub.Wir fragen einen Katari in weißem SUV, die Sorte, die einem in die Stoßstange fährt, bekommen eine Wegbeschreibung, fahren im Kreis und enden an der Einwanderungsbehörde. Die Stadt ist eine Riesenschlange, die sich häutet, ein Labyrinth, dessen Mauern sich ständig verschieben, wo Straßen im Nichts enden, Kreuzungen über Nacht verschwinden und Behörden schneller umziehen, als die Straßenkarten gedruckt werden. Irgendwann haben wir die Polizei gefunden, nur um zu erfahren, dass für unseren Abschnitt eine andere Station zuständig ist. Die zwei Polizisten drehen und falten unseren Stadtplan, fahren mit den Fingern die feinen Adern entlang, streiten darüber, ob man an diesem oder jenem Kreisverkehr links oder rechts abbiegen muss, und wir merken schon: das wird eine lange Nacht.
Wednesday, September 21, 2011
Lehrerinnenfortbildung
Am Montag haben wir einen Ganztagesworkshop im Hause der Schulleiterin: Ein untersetzter Mann in orangefarbenem Hemd kommt aus Köln, um uns in die Geheimnisse der Phonetik einzuweisen. Gewisse phonetische Zwischenklänge bringen ihn dann aber ziemlich schnell aus dem Konzept: Der Gebetsruf aus der Moschee nebenan, das Babygewimmer aus Katrins Kinderwagen, Hausfrauengezwitscher in den verlängerten Kaffeepausen... Und ich hätte wissen müssen, wenn es einen Ganztagesworkshop gibt, sind viele Partnerspielchen, langsam gekaute Diskussionen, Stuhlkreis und Atemübungen involviert. Es kam sogar noch schlimmer: Mit Korken zwischen den Zähnen standen wir bald im Wohnzimmer, der Projektor auf dem Bügelbrett, bunte Poster ringsum an die Bücherregale geheftet, und übten Zungenbrecher, führten theatralische Unsinngedichte auf, trommelten und rasselten Wortsilben mit Rhythmusintrumenten, warfen Bälle und lasen von Papierschnipseln ab, während zwischendurch Ankes Kinder aus der Schule kamen und entsetzt das Treiben in der Stube beäugten. Gut, wenn man als Lehrer ab und zu den eigenen progressiven Methoden ausgesetzt wird und merkt, was man den Kursteilnehmern da eigentlich antut.
Souq am Freitag
Der Souq am Freitagabend: Verschleierte Frauen bereiten Crepes auf heißen Platten: den Teig verteilen sie mit der flachen Hand. Eine Frau schlägt ein Ei in den Teig, eine andere ein paar Spritzer Tobasco Sauce. Eine Dritte streut Käseraspeln. Gegenüber kann man ihre Schleier kaufen: durchsichtiges Schwarz mit Mundlatz. Wie ißt man damit eigentlich? Ein Mann führt einen Falken unter der Haube aus, es gibt Fleisch am Spieß, glitzernde Stoffe in allen Farben, Seifenblasen aus Plastikpistolen. Hausfrauen verkaufen Selbstgekochtes aus silbernen Töpfen. Wir wollen eine Tischdecke und bekommen Teppiche mit verschlungenen Mustern ausgefaltet. Später sitzen wir wie im Beduinenzelt in der Familienabteilung eines Restaurants, die fein geschnitzten Tische tatsächlich durch Teppiche geschützt . Jeder bekommt eine große Schüssel Fleisch und Gemüse, unmöglich alles aufzuessen.
Friday, September 16, 2011
Weiße Frau am Pool
Ich habe das Gefühl ich bin so eine Art Compound-Gespräch, die weiße Frau am Pool, da ich mich mindestens zweimal am Tag beim Clubhaus blicken lasse, zwischen kreischenden kleinen Arabern und Indern meinen Laptop aufklappe, und versuche mein Email Konto unter Kontrolle zu halten. Oder ich sitze mit einem Buch am Poolrand und warte auf den Moment, da die Schreihälse zum Essen gerufen werden. Dann drehe ich ein paar Runden: mein Sport für heute.
Gestern hat sich ein kleiner Junge aus Bangladesh ein Loch in den Kopf gestoßen, als er am Poolrand ausrutschte. Mutter und Schwester hatten vorher um die Wette getaucht, beide mit langen weißen Kopftüchern und Blasen schlagenden weiten Gewändern. Nun schauten alle auf mich. Offenbar erwarteten sie von einer Amerikanerin, für die sie mich zweifellos halten, effizientes Krisenmanagement und Krankenschwesterfähigkeiten. Die Mutter rief panisch zu mir herüber, sie brauche Hilfe, da waren schon die Sicherheitsleute vom Clubhaus da und bestellten einen Krankenwagen. Irgendwie schienen sie meine Ratschläge trotzdem zu beruhigen: Ruhe brauche der Junge, sagte ich, und die Mutter brachte ihn sofort vor der neugierigen Kinderschar in Sicherheit und nach Hause. Derweil fragten die Krankenhausmitarbeiter am Telefon nach der Nationalität des Jungen, was ihre Hilfe wohl eher verzögerte...
Nachtleben um die Ecke
Nachts, nach Schließungszeit, klettere ich nochmal durch ein Loch im Zaun in den WiFi- Bereich am Clubhaus. Erschrocken stehe ich plötzlich vor dem Sicherheitsmann. Dieser schmächtige Junge ist noch ganz neu und sichtlich stolz auf seine Uniform und den guten Job, lächelt breit und stellt sich vor: Dheepi (oder so ähnlich) aus Nepal, und ich verstehe sein Englisch kaum. Er bleibt bei mir und tritt von einem Fuß auf den anderen, fragt woher ich komme, und wie es in den USA sei, und ob man nach Deutschland einwandern könne - ein ganz sanfter Junge, der die frechen Araberkinder kaum unter Kontrolle hat und sogar von den Mädchen wie ein Diener behandelt wird. Letztere haben schon gelernt Befehle auszuteilen: Streng rufen sie ihn herbei und fragen, warum er an "Ladies Day" Jungs in den Poolbereich lasse! Mein Nepalese kniet sich zu ihnen hinunter und erklärt ganz ruhig und freundlich, als hätte er tatsächliche Ladies vor sich. Und ich? Ich merke, wie viele Länder es gibt, über die ich eigentlich gar nichts weiß: Nepal - Hochglanzfotos mit Bergen und Tempeln in Tourismusbrochüren?! Er versteht und drückt mir die Visitenkarte seines Onkels in die Hand, dem eine Reisefirma gehört. Tatsächlich: in der Ecke ein Foto mit Tempel vor Bergkulisse!
Die Halbstarken im Compound langweilen sich des Nachts. Man sieht sie vor dem Supermarkt herumlungern, Brause kaufen und heimlich Zigaretten rauchen. An unserer Hausecke treffe ich auf die Horde. Diese verstummt mit einem Schlag; alle Augen richten sich auf mich. So langsam wird mir klar, warum es so wenig Amerikaner in "Al Zuhoor" gibt: Die ziehen früher oder später in den privateren Komplex "Bin Nasser" um...
der Geist der verschwundenen Dinge
Gedankenversunken steht er in der Küche und hat schon wieder vergessen, was er eben noch suchte. Verdutzt schaut er auf die Kaffeetasse in seiner Hand und erinnert sich: einen Löffel! Dabei liegt das Plastikgeschirr direkt vor ihm auf dem Küchentisch. Mein Mann gehört zur Spezies von Mensch, die sich vollkommen in einer abstrakten Aufgabe vergraben, und dann zum Zeugen werden, wie die Welt der Alltagsgegenstände sich gegen ihn verschwört. Mein Akademiker begreift dann jeden Zufall als Schicksalswendung, spricht von einem Geist, der in unserer Wohnung haust und das Portemonnaie just in dem Moment in Luft auflöst, wenn wir zum Essen verabredet sind, oder den Führerschein unter dem Teppich verbirgt und ihn erst wieder zum Vorschein bringt, wenn es zum Aufbrechen zu spät ist. Gelegentlich nehmen die Gespenster überhand, dann rauft er sich die Haare, macht ein Gesicht des Elends und beteuert mit einem Flackern in den Augen, dass er in ständiger Angst lebe einen falschen Schritt zu tun.
Reisen fordern von uns die genaueste Vorbereitung, sollen sie nicht im Desaster enden. Bevor ich von diesem Fluch wusste und entsprechende Vorkehrungen traf, waren alle unsere Ausflüge eben das: die reinsten Desaster, auf denen alles schiefging, was nur irgendwie misslingen konnte. Ich erinnere mich an eine Reise, die zum Stillstand kam, bevor wir überhaupt unser Haus in Berlin verlassen hatten: beim Beladen des Autos hatten wir es geschafft uns aus der Wohnung auszusperren! Glücklicherweise konnten wir mittels Mobiltelefon einen Schlüsseldienst rufen. Mit zweistündiger Verspätung trafen wir bei den verabredeten Bekannten ein. Zu anderen Anlässen schien sich die Natur ganz ohne Zutun von Schusseligkeit gegen uns zu verabreden: Im wunderbaren kroatischen Split wurden wir von Sturzregen begrüßt, dem kein Regenschirm gewachsen war. Flüsse rauschten über die Windschutzscheibe unseres kleinen polnischen Fiat, aber mein Mann war fest entschlossen zurückzuschlagen und unserem Gespenst der Widrigkeiten nicht klein beizugeben. So gelangten wir schließlich mit fest am Körper klebender Kleidung und Schuhen voll Wasser in die Herberge. Ob platte Reifen, ausgebuchte Hotels, Klein- oder Großkriminalität, zielsicher trafen uns sämtliche Reisepannen.
Wie unsere Katze hasst mein Mann neue Wohnungen, was besonders unpraktisch ist, da wir bisher nie länger als zwei Jahre in ein- und derselben zugebracht haben. Während sich die Katze tagelang hinter Vorhänge und unter Sofas drückt und bei jedem Geräusch zusammenzuckt, als finge ein Krieg an, breitet mein Mann unsystematisch ein Sammelsurium von Zetteln, zerfledderten Büchern, Heften, zerknüllten Taschentüchern, Schlüsseln, Schrauben, Kabelsalat, Tüten, und Taschen über den ungewohnten Wohnraum, nur, um ein paar Stunden später den ersten Nervenzusammenbruch zu erleiden: Sein Pass sei unauffindbar! Nun bliebe uns nichts weiter übrig, als zur Botschaft zu fahren und für $500 einen neuen zu bestellen. Da er aber ohne Pass nicht Auto fahren könne in diesem Land, seien wir wohl oder übel verloren, und Schuld an allem sei nur diese vermaledeite neue Wohnung! Keine rationale Erklärung kann ihn in solchen Momenten davon abhalten unseren bösen Hausgeist zu beschwören. Slavischer Fatalismus breitet sich aus, bis ich den Pass aus eben jener Tasche ziehe, die wir vorher als "Tasche für alles Wichtige" festgelegt hatten.
Dubravka Ugrešić zält in einem ihrer Bücher die Dinge auf, die im Bauch des Walrosses Roland gefunden wurden, nachdem es 1961 im Berliner Zoo starb: "ein rosa Feuerzeug, vier Eisstäbchen (hölzern), eine Metallklemme in Form eines Pudels, ein Bieröffner, eine Frauenhalskette (wahrscheinlich Silber), eine Haarspange, ein Plastikmesser, eine Sonnenbrille, eine Metallfeder (klein), ein Gummiring, ein Wurfgeschoss (Kinderspielzeug), eine Stahlkette von 18cm Länge, vier Nägel (groß), ein grünes Plastikauto, ein Metallkamm, ein Plastikband, eine kleine Puppe, eine Bierdose (Pilsner, halber Liter), eine Schachtel Streichhölzer, ein Babyschuh, ein Kompass, ein kleiner Autoschlüssel, vier Münzen, ein Messer mit Holzgriff, eine Babypuppe, ein paar Schlüssel (fünf), ein Vorhängeschloss, eine kleine Plastiktüte mit Nadeln und Faden." Die kuriose Sammlung von zufälligen Gegenständen erinnert an den Wust von Kleinteilen, der meinen Mann begleitet, wohin er auch geht. Haben wir an einem Ort mehr als drei Tage verbracht, lagern sie sich überall ab, die Grüppchen von Münzen und Gummibändern, Papierschnipseln, Feuerzeugen, Batterien; als könnte er nichts Neues mehr schlucken; als habe er schon mehr angesammelt, als ein Magen verdauen kann in einem Leben.
Unsere Lieblingsstadt ist Berlin. Sie ähnelt dem Magen meines Mannes. Ugrešić schreibt, Berlin habe wie das Walross Roland in seinem Leben zu viel Unverdauliches geschluckt: Im Teufelsberg liegen wie zum Beweis 26 Millionen Kubikmeter Trümmer unter der Grasnarbe. In Berlin tritt man mit jedem Schritt in ein anderes Extrem der Geschichte. Unheimlich ist's in der leeren U-Bahn, wenn man im Abteil allein fährt. Unter der Erde: Unverdaulich-Unvereinbares, Vergangenes.
Wenn Menschen Städten ähneln, so ist die Lebensgeschichte meines Mannes eine ebenso ungeordnete Ansammlung von Dingen, die sich im Innern ablagern und aufeinanderschichten: Geboren im kommunistischen Polen der späten 70er Jahre, aufgewachsen im bettelarmen Lybien und Ägypten der 80er, Fremdling und halbherziger Katholik im konservativen Colorado und dann Teil der Neuen Linken im kriminalitätsgeschüttelten New York City. Als Erwachsener: Reisen zurück in das Geburtsland Polen. Leben testen in Berlin, in New Jersey.
Vielleicht muss man heute in ein reiches und zutiefst traditionelles Land wie Qatar gehen, um das Lebensgefühl einer Kindheit im Sozialismus wiederzufinden: Hier predigt man Familie, Moral und Nächstenliebe, verwirft Dekadenz und Egoismus. Es ist leicht zu kritisieren --- oder zu glauben. Wer die gängigen Werte akzeptiert, hat Chancen auf einen gut bezahlten Job. Wer dagegen ist, verlässt das Land. Die Kinofilme hier sind jugendfrei, die zensierte Musik harmlos; Fernsehsendungen bilden, Zeitungen bestätigen die bestehende Welt, die hier Wahrheit bedeutet. Identität ist erlaubt.
Von Zeit zu Zeit überrascht mich mein Mann mit seiner eigenen, skurrilen Poetik, die das scheinbar Unvereinbare nebeneinanderrückt. In unserem derzeitigen Wohnsitz zeigt er auf die Katze, die sich in der Gardine zusammengerollt hat: "Sieh, sogar Kleo trägt hier Schleier!" Auf der Straße rauscht eine schwarz Vermummte samt Entourage im dicken Jeep vorbei: "War das eben Darth Vader?" - Für einen Moment staunen wir über die Genauigkeit, mit der der Vergleich ein Gefühl trifft, lachen, und vergessen das Gespenst der unvereinbaren Dinge.
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